Background Checks aus Schriftsteller(innen)-Sicht (Teil 1)
Wenn wir, als Wortjongleure und -jongleusen, einen Charakter überzeugend in einem Drehbuch, Buch oder einer Kurzgeschichte beschreiben möchten, dann bleibt uns eine Tätigkeit nicht erspart, die auch die Vorbereitung eines jeden Interviews darstellt: Der Background Check.
Unter einem Background Check versteht man die Recherche über eine Person. Uns interessieren hierbei aber größtenteils nicht die Informationen, hinter denen Banken, Versicherungen und/oder potentielle Arbeitgeber her sind; wie gesagt, größtenteils. Es kommt auf den Zweck des Background Checks, beziehungsweise auf das Material welches wir erstellen wollen, an. Wenn es sich um eine reale Person handelt, ist Arbeit angesagt; wenn es sich um eine fiktive Person handelt, dann ist Arbeit und Phantasie gefragt. Die Vorgehensweise ist in beiden Fällen ähnlich.
Im Falle von fiktiven Personen teilt sich das Lager der Wortjongleure und -jongleusen:
- Die einen lehnen es ab, sich am Anfang mehr als das Geschlecht und einen Namen einfallen zu lassen.
- Die anderen erstellen einen regelrechten Lebenslauf, der bei der Kindheit beginnt, und in der Geschichte weitergeführt wird.
- Wieder andere suchen sich – je nach Bedarf – einen Mittelweg.
Ersteres Vorgehen erlaubt es uns, den Charakter erst im Laufe der Geschichte mit Leben und einer Vergangenheit zu bestücken. Man hat also vollständige kreative Freiheit. Manche Autoren(innen) sagen: “Die Figur hat sich eigentlich selbst geschrieben, und nach und nach eine Art Eigenleben entwickelt.” Dieses Zitat stammt zwar von Piers Anthony, ich habe es aber schon häufiger in der einen oder anderen Form gehört. Der Nachteil hierbei, man muss höllisch aufpassen, dass man sich nicht “vergaloppiert”.
Im Falle eines Romans oder einer Kurzgeschichte behält man zwar meist den Überblick, aber wohin dieser kreative Umgang mit Charakteren führen kann, wenn es sich um eine Fernsehserie oder eine Reihe von Romanen handelt, lässt sich beispielsweise an der Serie Friends beobachten. In einer der ersten Staffeln spricht Phoebe Buffay (Lisa Kudrow) fliessend Italienisch, in einer späteren Folge versteht sie kein Wort als sie auf Italienisch angesprochen wird. Derartige Beispiele lassen sich öfter finden.
Im zweiten Fall starten wir zwar mit wesentlich mehr Arbeit, haben aber für später den Vorteil, dass man bei Entscheidungen die eine Person zu treffen hat, oder der Reaktion eines Charakters auf ein Vorkommnis, auf ein Grundgerüst zurückgreifen kann. Falls man sich aber später dafür entscheidet die Vita des Charakters aus dramaturgischen Gründen zu ändern, dann bleibt nur das Vorgehen wie im ersten Fall: Wir müssen die Geschichte auf Inkonsistenzen abklopfen.
Das Vorgehen im dritten Fall ist, wie gesagt, ein Mittelweg. Es hat ja auch niemand behauptet, dass wir den Lebenslauf vollständig ausarbeiten müssen; er kann durchaus im Laufe der Handlung wachsen. Man sollte dann nur nicht vergessen, alles Wichtige zu dem Lebenslauf hinzuzufügen. Der Vorteil bei dieser Vorgehensweise liegt auf der Hand: Wenn man relevante Reaktionen und/oder deren Beweggründe in einem Character-Sheet notiert, dann kann sich der Charakter entwickeln, und der “Lebenslauf” wächst mit.
Diese Grundlagen sollten für den ersten Teil genügend Stoff zum Nachdenken bieten. Mit-Wortjongleure und -jongleusen sind herzlich eingeladen ihre Meinung und/oder Vorgehensweise über die Kommentarfunktion beizusteuern.
Rubrik(en): Kreativität |
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May 8th, 2008 at 7:59 am
So wie es aussieht sind die meisten Leser noch mit einem intensiven Backgroundcheck des sagenumwobenen Wortjongleurs beschäftigt, sodaß die Wortmeldungen noch auf sich warten lassen.
Inzwischen mein Senf dazu: wer weiß ob man sich mit allzuviel fader realitätsnaher Wahrheit belasten sollte. Das will der Leser doch gar nicht. Er erwartet vertraute Stereotypen, erweitert um phantasievolle Zudichtung. Und wenn es die Werbepartner tolerieren eine ausreichende Menge Sex…
May 8th, 2008 at 8:30 am
@Rick:
Auch diese sollte man als Wortjongleur im Auge behalten, damit sie nicht ein Eigenleben entwickeln welches später die Story ruiniert. Der eigentliche Ansatz ist, wie gesagt, Geschmacksache.