Das Schreiben – Praxis: Wie schreibt der Wortjongleur?

Auf “Daily Writing Tips” wird im Beitrag Write First, Edit Later darauf hingewiesen, sich zuallererst auf das Schreiben an sich zu konzentrieren. Aus meiner Tätigkeit als Wortjongleur kann ich das nur unterschreibenLahm aber nötig. Ich komme in einem späteren Beitrag noch auf dumme Wortspiele zurück; vor allem auf ihren Nutzen beim kreativen Schreiben.. Da ich das Thema sowieso behandeln wollte, ein paar Anmerkungen aus der (eigentlich meiner) Praxis; oder eben: “Wie schreibt der Wortjongleur?”

Schreiben ist ein Prozess mit mehr oder weniger definierten Abläufen. Das klingt jetzt aber nicht sonderlich kreativ, oder? Meine Erfahrung ist: Es kommt darauf an was man daraus macht. Jede Idee zu einem Artikel, zu einer Kurzgeschichte, zu einem Roman, usw. ist am Anfang nun mal nicht mehr als eine Idee, diese will ausgearbeitet werden. Also sieht der Prozess jetzt wie folgt aus:

Schreiben: Idee -> Ausarbeitung

Ich tendiere dazu immer ein Notizbuch mit mir herumzuschleppen, und notiere jede Idee darin. Egal wie absurd sie auch sein mag. Wenn mir der Gedanke nach nochmaligem durchlesen nicht allzu abstrus vorkommt, verfolge ich ihn weiter (siehe auch “Weitere Schreibtechniken” in Das Schreiben – Kreativität: Aufzucht und Hege (Teil 2)). Je nach Komplexität der Idee folgt nun die Recherche -> mit den Ergebnissen erstelle ich MindMaps -> und erzeuge eine grobe Struktur. Ein Prozess – auch wenn die Bezeichnung wenig kreativ klingt. Auch hier wende ich das “write first, edit later”-Prinzip bereits an. Mind-Maps sind eine Art von Brainstorming, man sollte bei ihrer Erstellung erst einmal nicht korrigierend eingreifen, sondern alles vermerken, was einem durch den Kopf gehtWortjongleusen und -jongleure sollte niemals das eigene Unterbewusstsein unterschätzen. Ich habe schon in so mancher Mind-Map später Dinge gefunden, die sich als mehr als brauchbar erwiesen haben, an die ich aber zuerst eigentlich nicht gedacht hatte.. Danach beginne ich mit dem Schreiben.

Schreiben: Ausarbeitung -> Erster Entwurf

Wenn ich eine ausgearbeitete Idee das erste Mal als Text zu Papier – oder auf den Bildschirm – bringe, achte ich zwar bereits auf Formulierungen, versuche aber trotzdem zuerst die gesamte Idee in Worte zu fassen. Dieses Vorgehen halte ich für extrem wichtig. Beim Schreiben braucht man das Gefühl vorwärts zu kommen. Den Fluss der Ideen zugunsten einer gekonnten Formulierung zu unterbrechen, bewirkt im ungünstigsten Fall, dass man den “Faden” verliert. Im Prinzip kann man das ganze, man verzeihe mir die Anleihe aus der griechischen Mythologie, mit dem Faden im Labyrinth vergleichen; man kann sich zwar verlaufen, aber der Faden erlaubt es auch, die eigenen Schritte zurückzuverfolgen. Soll heissen, unglückliche Formulierungen oder Satzkonstruktionen lassen sich auch später beheben; jetzt geht es darum, das “grosse Ganze” im Auge zu behalten.

Schreiben: Erster Entwurf -> Erste Überprüfung

Erst jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, sich um Details zu kümmern. Die Idee liegt als vollständiger Text vor, jetzt lese ich alles noch einmal im Zusammenhang und beginne mit den ersten Korrekturen. Wenn diese abgeschlossen sind, wird das Fenster geschlossen oder der Block beiseite gelegt.

Schreiben: Erste Überprüfung -> Kaffee oder Tee

Nach der ersten Überprüfung steckt man so tief im Thema, dass man manchmal den “Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht”. Die Überschrift ist natürlich nur ein Vorschlag – bei mir hilft es. Es geht nur darum ein wenig Abstand zu gewinnen.

Schreiben: Kaffee oder Tee -> Korrekturen

Mit dem nötigen Abstand lese ich mir das Ganze noch einmal durch, jetzt finden auch Korrekturen am Satzbau, der Wortwahl, usw. statt. Ein ökologisch nicht ganz einwandfreier Tip: Mancher Blödsinn fällt mir eher auf, wenn ich den Text in gedruckter Form vor mir habe. Soll heissen, zumindest in meinem Fall hilft es, wenn sich die Optik des Textes verändert. Auf diese Weise verhindere ich auch, dass ich sofort mit dem Umschreiben beginne, anstatt weitere Unstimmigkeiten zu suchen.

Schreiben: Korrekturen -> Umschreiben

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich von so mancher liebgewonnenen Satzkonstruktion wieder trennen muss. Ähnlich wie ein Cutter beim Film, versuche ich jetzt festzustellen, was die Handlung oder das Thema weiterbringt, und auf was man ebensogut verzichten kann. Nicht nur bei Geschichten sollte man sich zusätzlich die Mühe machen nachzusehen, ob man irgendwelche Klischees bedient, anstatt vernünftig zu formulieren. Oder auch der umgekehrte Fall, je nach Ausrichtung des Textes, überprüfen, ob man ein Klischee ausgelassen hat. 😉

Schreiben: Umschreiben > Abstand!

Nun versuche ich wieder Abstand vom Text zu gewinnen. So manche Formulierung wirkt, mit dem nötigen Abstand, bei weitem nicht mehr so eloquent wie zum Zeitpunkt ihrer Entstehung. Ernsthaft.

Schreiben: Abstand -> Endkontrolle oder “Final Draft”

Jetzt, liebe Wortjongleusen und -jongleure bewegen wir uns auf einen Punkt zu, den viele unserer Gattung fürchten: Noch eine Überprüfung, und wir müssen den Text aus der Hand geben. Entweder, weil die Lektorin / der Lektor bereits auf den Text wartet, oder weil wir ihn eben irgendwann auch veröffentlichen sollten / wollten. Ich lese den Text nochmals in ausgedruckter Form, wobei ich darauf achte, dass ich auf dem Ausdruck genügend Platz für Korrekturen oder Notizen habe. Dann nehme ich die letzten Korrekturen vor und liefere ab. (Der Zustand des Textes bei Ablieferung an einen Verlag, oder ein Filmstudio im Falle eines Drehbuchs, wird als “endgültiger Entwurf”, als “final Draft”, bezeichnet, da er noch von weiteren Personen beurteilt, bzw. korrigiert wird.)

Schlussbemerkung

Die beschriebene Vorgehensweise habe ich mir angewöhnt, als ich mit dem Schreiben begannDass dabei ein Federkiel zum Einsatz kam, ist ein Gerücht!, sie hat sich für mich als praktikabel erwiesen und erlaubt mir, meine Tätigkeit als Autor zu strukturieren. Ich würde sie auf keinen Fall als einzigen Weg betrachten, aber für mich funktioniert sie.

Dieser Beitrag gehört zur Serie “Das Schreiben”, weitere Beiträge zum Thema finden sich in der Rubrik Schreiben und / oder Kreativität.

Comments

  1. Ich denke ein schöner Artikel der vor allem für hoffnungsvolle Nachwuchsautoren und fellow writers recht lesenswert ist.

    Bedaure dass ich hierzu nicht allzuviel Erhellendes beitragen kann. In Unterneuntupfing unterscheidet man viel banaler in old-skool-writing und Modern-Mühsam-Work.

    Old-skool war hauptsächlich vor der Geburt von U9TA: da dauerte ein Artikel in der Regel eine Stunde. In zehn Minuten war etwas abgetippt das um einiges genialer war das Zeuchs das heute auf U9TA zu finden ist, 5 Minuten gröbste Rechtschreibfehler rausmoppeln, dreiviertel Stunde Selbstbewunderung.
    Seit U9TA: 5 Minuten lizenzfreies Bild suchen, 55 Minuten lang mühsam Text reinwürgen. Plus eine Stunde lang bei Hinz & Kunz eintragen.
    In hoffnungsfroher Erwartung dass beim Wortjongleur irgendwann mal erklärt wird wie man Spaß beim (Blog)schreiben hat. Oder das wiederfindet was man andernorts schon hatte.
    (P.S: Kommentar im Ironiemodus erstellt)

  2. Noch genialer als auf U9TA? Oder nur anders genial? Wie schon an anderer Stelle erwähnt, sogar die Tiefstapler in der Formel 1 haben in Dir ihren Meister gefunden. Bei denen denkt man an Tiefgeschoss, so tief wie Du stapelst, solltest Du daran denken, dass der Erdkern relativ warm sein soll. 😉

    Das mit dem Wiederfinden habe ich schon in der Pipeline, wird allerdings ziemlich Mac-lastig, sorry.

  3. Schön. Endlich wieder ein Artikel, der in meine Standardwerke-Sammlung aufgenommen werden kann.

    Wenn ich für meinen “Selbstversuch: Wahnsinn” schreibe, entstehen die Texte wie eine kreative Explosion und ich hoffe, dass ich alle Splitter auffangen kann. Im Normalfall brauche ich dafür ca. eine Stunde – die Texte sind in meinem Kopf dann meist schon fertig und ich muss versuchen mit dem Tippen hinterherzukommen.

  4. @Onkel Loco: Danke. 😉
    Das mit dem “Tippen hinterherkommen” kommt mir bekannt vor, Ich habe für mich eine Methode entwickelt, die ich als Speed-Writing bezeichne, funktioniert aber am besten mit Papier, also analog. Ich versuch das mal in einen Beitrag zu packen. (Ich dachte, das wäre ein persönliches Problem von mir.)

  5. @Onkel Loco: On second thought, findest Du nicht auch, dass der verehrte U9TA Schafredakteur eine Medaille fürs Tiefstapeln verdient hätte?

  6. Ich denke der Schafredaktor hat einen sehr realistischen Zugang zu seinem Gemurkse (“YiGG Der Film” war übrigens ein Old-Skool der in 15 Minuten fertig war, als Ausnahme, seit langem mal wieder). Allerdings hatte man mir vor Jahren mal den Spitznamen Inspektor Columbo verpasst. Und zu Nightriders Zeiten Ein Mann – ein schmutziges Auto – ein Wörterbuch. Na egal.

    @Onkel: ich hatte mich schon gefragt wie lange Du wohl zu so Aufsätzen wie zB den Drogenartikel brauchst. Nun weiß ich es 🙂

    @Erik: wie lange dauerte bei Dir das gegenständliche Opus?

  7. Mein Timer sagte ca. 1,5 Stunden, davon muss man natürlich Tee kochen, Espresso machen, Y!GGen, Heise lesen, na ja, ich würde mal schätzen ca. 45 Minuten. Allerdings habe ich mir die Zeit fürs “Lustformulieren” genommen, also an einigen Sätzen nur so aus Spass herumgebastelt, um verschiedene Varianten auszuprobieren. Ausgedruckt habe ich allerdings nichts. 😉

  8. @Rick: Und Du hast den Trenchcoat dann immer abgelegt, wenn’s zu warm wurde. 🙄

  9. Nein, als ich auf den Platz ging. War damals bei einer studentischen Tenniswoche, hundert Jahre aus. War in der Trainungsgruppe Nebel des Grauens, einer eher vergnügungssüchtigen hedonistischen Kettenraucher-Rotte während alle anderen verbissen trainierten. Beim Turnier haben sie mir den Spitznamen verpasst. War so ungefähr die #16 des Turniers und hab vor jedem Spiel meiner Rotte gesagt “wartet mit der nächsten Getränkerunde, ich verlier schnell und bin dann eh gleich wieder da.” Nachdem ich einige Favoriten irrtümlich in Leconte-Manier aus dem Turnier entfernt hatte und erst im Halbfinale am Turniersieger verkatert gescheitert war hatte mein Spruch relativ schnell an Glaubwürdigkeit verloren und ich war um einen Nicknamen reicher…

  10. @Rick: Ach Du bist das! Rick von der U9TA für Recht und Verfassung! Oder verwechsle ich das? Möglich…
    Ein KnightRider / Columbo Crossover wäre übrigens mal ein interessantes Filmprojekt für einen Filmstudenten, der sich immer schon vorgenommen hat, einfach anders zu sein…

    Now for something completely different…
    Der “Drogenartikel” ist quasi aus meiner Tastatur hervorgebrochen. Ging also etwas schneller.

    So. Und jetzt hoffe ich, dass ich das Bild von einem ziemlich angetrunkenen Columbo, der mit Tennisschläger und Bier bewaffnet einen Grand-Slam gewinnt wieder aus dem Kopf bekomme. Sonst wird die Nacht heute unerträglich…

  11. Onkel, ich glaube Du hast soeben den Blockbuster für das Weihnachtsgeschäft 2008 entwickelt. Bei diesem Zielgruppen-Mix kann eigentlich gar nichts mehr schief gehen. 😈

    Wir hätten Krimi / Sci-Fi / Sport / Bier und lassen das Ganze in Unterneuntupfing spielen, also wird der Streifen vom dortigen Tourismusverein und der Brauerei finanziert. 😉

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