IMHO: Buchhandlungen – Between a rock and a hard place?

Nachdem sich Amazon nun anscheinend auch als Verleger etablieren möchte, und die Aussage einer Buchhändlerin aus Boston dem Herald einen Beitrag wert war (siehe auch die, wie immer, lebhafte Diskussion auf Slashdot), ein paar subjektive Gedanken zum Thema Buchhandlungen, deren Sortiment und Online-Bestellungen.

Gerücht 1: Online-Bestellungen machen den Buchhandel kaputt

Diese Aussage stimmt meistens nur in einem Fall: Wenn ich mich in eine Buchhandlung meines Vertrauens begebe, weil ich ein bestimmtes Buch erwerben möchte und dann den Satz “Haben wir nicht vorrätig, können wir aber bestellen.” höre, dann impliziert dieser Satz entweder, dass sich das Sortiment der Buchhandlung nicht mit meinen Interessen deckt, oder, dass der Einkauf planungstechnisch daneben liegt.

Wenn ich eine Buchhandlung aufsuche, dann aus zwei Gründen:

  1. Ich möchte das Buch sofort mit nach Hause nehmen, ansonsten wäre die Bestellung per Internet wesentlich bequemer.
  2. Ich möchte mich in der Buchhandlung – welche Bücher führt, die mich interessieren – umsehen, ob ich nicht noch andere Bücher finde, die ich sofort mitnehmen will.

Nach Punkt 2 zu urteilen, bin ich also ein Spontankäufer; allerdings keiner von der Sorte von der die Einkäufer(innen) in manchen Buchhandlungen zu träumen scheinen. Deren Sichtweise auf mein Einkaufsverhalten scheint sich in dem Satz “Wenn er nicht findet was er eigentlich wollte, wird er schon was anderes kaufen.” widerzuspiegeln. Ausserdem gibt es ein relativ sicheres Zeichen, wenn es den Einkäufern(innen) einer Buchhandlung egal ist wie das Sortiment aussieht: Wenn von einer Buchreihe die Bände zwei, vier, fünf und sieben verfügbar sind, und alle anderen Bände nur auf Bestellung, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass ich entweder in die Reihe nicht einsteigen kann, weil dafür der erste Band vonnöten wäre, oder dass ausgerechnet der Band, den ich mir als nächstes kaufen wollte, fehlt.

Wenn ich auf das Buch warten möchte, dann kann ich es mir auch selbst bestellen! Bestands-Sortiment und Käufer(innen) sollten also zusammenpassen, sonst könnte das Gerücht zur Wahrheit werden.

Gerücht 2: Die “bösen” Internetnutzer(innen) informieren sich in der Buchhandlung und bestellen dann online

Dass es sich bei dieser Aussage im Falle von deutschen Büchern nur um ein Gerücht handeln kann, sollte allen klar sein, die “Buchpreisbindung” buchstabieren können. Wenn das gewünschte Buch in der Buchhandlung allerdings nur auf Bestellung verfügbar sein sollte…

Etwas komplizierter wird es bei englischen Büchern, da diese nicht der Buchpreisbindung unterliegen. Aber, wenn ich ein Buch sofort in Händen halten will, bin ich bereit für dieses Privileg auch ein wenig mehr zu bezahlen; nur vorrätig muss es sein. Diese Aussage gilt allerdings nur begrenzt. Bei Aufschlägen von 30% und mehr, fühle ich mich über den Tisch gezogen und ziehe eine Bestellung im Internet vor. (Vor allem wenn man das Buch für mich sowieso bestellen müsste.)

Einschub 1: Ich versuche die Buchhändler(innen) in meiner Nachbarschaft zu unterstützen

Ich habe es mir schon seit einiger Zeit zur Gewohnheit gemacht Buchhandlungen in meiner Nachbarschaft zu unterstützen indem ich bei ihnen Bücher bestelle, anstatt diese online zu kaufen. In diesen Fällen handelte es sich um englische Bücher, deren Preis geringfügig über dem Preis von Amazon lag (meist um die 10 – 15 Prozent). Die Bestellung dauert normalerweise einen Tag, und ich konnte mir das Buch also am nächsten Tag abholen. Beide Seiten profitieren, alles in Ordnung.

Bis zu dem denkwürdigen Tag, als ich ein englisches Sachbuch bestellte und mir gesagt wurde, dass dieses Buch 30 Euro kosten würde. Der Preis kam mir etwas hoch vor, und ich habe (neben einer grosszügigen Dollar/Euro Umrechnungsrate) noch ein paar Prozent für den Grossisten aufgeschlagen und kam trotzdem nicht auf diesen Preis. Entspannte sieben Euro mehr als bei Amazon! Das Buch ist nicht besonders dick, also konnte es nicht an den Transportkosten liegen. Auf Nachfrage wurde mir erklärt, dass der Grossist eben diesen Preis verlangen würde.

Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich, ohne den Preis zu recherchieren, einfach bei den Buchhandlungen in meiner Nachbarschaft Bücher bestellt, wie gesagt, um diese zu unterstützen. Das diese Vorgehensweise auf einem fragilen Gerüst steht, namentlich der Preisgestaltung des Grossisten, liegt auf der Hand. Bis zu diesem Zeitpunkt hielten sich dessen Aufschläge in einem akzeptablen Rahmen. Bis zu diesem Zeitpunkt…

Der Nachteil für die Buchhandlungen: Wenn ich den Preis sowieso im Internet recherchieren muss, dann befinde ich mich bereits auf der Website mit dem “Buy”-Button. Mir wurde gesagt, dass dieser Grossist der einzige wäre, bei dem die Buchhandlung bestellen würde. Ich mache mir allerdings keine Illusionen darüber, dass der Grossist anscheinend meint diejenigen “abledern” zu können, die nicht im Internet bestellen möchten. Diese Geschichte müsste die Buchhandlung mit dem Grossisten klären, wenn ich sie weiterhin unterstützen soll.

Gerücht 3: eBooks machen den Buchhandel kaputt

Man kann mich gerne altmodisch nennen, aber was Belletristik betrifft, ziehe ich die so genannte “Dead-Tree-Ware” vor, wenn ich sie denn bekommen kann. Aber im Einzelnen, zuerst bezogen auf englische Bücher.

iBook Store: Das Angebot an englischen Büchern kann man getrost vernachlässigen, eine gut sortierte Buchhandlung mit englischen Büchern braucht eigentlich nicht zu befürchten, dass der iBook Store ihr viel Geschäft mit mir wegnimmt, wenn ich dort die Bücher finde die ich suche.

Kindle Store: Hier sieht das Ganze schon nicht mehr so rosig für die Buchhandlungen aus. Aktuelles Beispiel: Ich wollte gerne “Moon over Soho” von Ben Aaronovitch erwerben; nachdem ich mir den ersten Teil (“The Rivers of London”) in London gekauft hatte, brannte ich darauf das Buch zu lesen. In der Buchhandlung bekam ich “Die Hardcover-Ausgabe können wir nicht bestellen.” zu hören. Im Kindle Store war das Buch nur einen Mausklick von meinem iPad entfernt und die Hardcover-Ausgabe kann ich mir bei meinem nächsten Aufenthalt in London einfach kaufen. Kindle Store: 1, Buchhandlung: 0. Wenn so etwas öfter vorkommt: Be afraid, be very afraid. (Das dritte Buch kommt im Oktober, mal sehen was passiert.)

Generell kann ich die Bedenken des Buchhandels aber verstehen. Wenn ich von einem Buch höre und dieses sofort haben möchte – die Betonung liegt auf sofort – dann kann keine Buchhandlung der Welt damit konkurrieren, dass ich das gewünschte Buch innerhalb von Minuten auf meinem eBook-Reader habe; völlig unabhängig von Öffnungszeiten und Verfügbarkeit. Nichtsdestotrotz, Bücher die mir am Herzen liegen, ziehe ich in Papierform vor. Anders ist die Geschichte bei bestimmten Fachbüchern mit “Verfallsdatum” gelagert. Neben der Tatsache, dass manche Fachbücher nach einer gewissen Zeit nur noch einen sentimentalen Wert darstellen, lassen sich diese Bücher auf einem eBook-Reader auch noch problemlos nach einem Thema durchsuchen. Als jemand der mehr als einen Index für ein Fachbuch erstellt hat muss ich sagen, die Suchfunktion schlägt auch den besten Index um Längen.

Für den Buchhandel wäre es aber ganz einfach diesen Nachteil zu umgehen: Einfach die Papierausgabe zusammen mit dem eBook verkaufen. Die Papierausgabe hat durchaus auch ihre Vorteile und als Käufer(in) hätte man das Beste aus beiden Welten. BTW: Mit eBook ist nicht die Variante gemeint, welche die Installation einer Adobe-Virenschleuder auf einem Desktop-Rechner voraussetzt. PDFs sind keine eBooks! Wenn ich die Bezeichnung eBook verwende, dann ist ein Format gemeint, welches sich auf einem eBook-Reader / iPad / etc. problemlos lesen lässt.

Einschub 2: Aber es gibt doch englische Buchhandlungen in vielen Städten

Ich kann hier nur von München sprechen. Eine der vielversprechendsten (alte deutsche Rechtschreibung, da sich die Angestellten in meiner Anwesenheit nie versprochen haben) wird im nächsten Jahr endgültig ihre Pforten schliessen und daran ist Amazon bestimmt nicht schuld.

Vielversprechend deswegen, weil nach der Eröffnung beispielsweise die Top Ten der New York Times-Bestseller-Liste immer (ohne sie zu bestellen) verfügbar waren. Weil ich dort alle Bücher der Bartimaeus-Trilogie von Jonathan Stroud direkt nach ihrem Erscheinen bekommen habe, gleiches galt für viele andere Bücher. Kein “können wir bestellen” sondern, “in dem Regal dort drüben”.

Ich weiss nicht, was sich in der Buchhandlung intern geändert hat, aber seit einiger Zeit musste ich feststellen, dass die Bücher die mich interessieren, nur noch auf Bestellung zu bekommen waren. Gleichzeitig wurde ich beim “Herumstöbern” immer seltener fündig. Früher habe ich den Laden selten ohne mindestens ein Buch zu kaufen verlassen, heute dominieren die Bücher, die einem auch auf Bahnhöfen oder Flughäfen begegnen. Meine Theorie: Die potentiellen Käufer(innen) die diesen Laden betreten, suchen nicht die Bücher die sie überall bekommen können, sondern die Bücher, die momentan interessant sind. Dieser Satz ist kein Widerspruch! Bei meinem letzten Besuch in einer “Waterstone”-Buchhandlung in London habe ich mir geschworen, nur noch mit einer wirklich geräumigen Reisetasche in diese Stadt zu kommen. Zwei Tage später in München habe ich bis auf eine Ausnahme keines der Bücher gesehen, die mich interessiert hätten. Vor zwei Jahren hätte ich mindestens 50% der Bücher auch in München sofort bekommen. Online: 1, Buchhandlung: 0.

Fazit: Die Situation ist kritisch, aber nicht ausweglos

Buchhandlungen, welche sich die Mühe machen ihr Bestands-Sortiment von deutschen Büchern zu pflegen, sollten, auch dank der Buchpreisbindung, relativ gut mit Online-Bestellungen gleichziehen können. Rezensionen bei den Online-Versendern hin oder her, eine gute Beratung, und die Möglichkeit neue Autoren/Autorinnen beim Herumstöbern zu entdecken sind (für die Buchhandlung) bares Geld wert.

Buchhandlungen welche auch (oder ausschliesslich) ein englisches Sortiment pflegen und am sprichwörtlichen Puls der Zeit sind, können sich eine Kundschaft aufbauen (oder erhalten) weil auch hier die Beratung und das Entdecken von neuen Autoren/Autorinnen immer einen Besuch wert sind. Wenn sich die Preisaufschläge der Grossisten in einem erträglichen Rahmen bewegen, dann würde ich auch hier der Zukunft mit der nötigen Gelassenheit entgegensehen.

In beiden Fällen gilt aber:

Das müssen wir Ihnen bestellen.

Werden die (potentiellen) Kunden(innen) im Kopf immer öfter mit

Dann kann ich das ja auch selbst machen.

beantworten.

Natürlich kann es immer wieder vorkommen, dass ein Buch nicht vorrätig ist, aber ein kompetenter Einkauf und ein wenig Marktforschung sollten in der Lage sein den Besuch in einer Buchhandlung für beide Seiten profitabel zu gestalten.

Unabhängige Buchhandlungen dürften von der aktuellen Situation sogar profitieren. Sie sind in der Lage ihr Sortiment stärker an die Wünsche Kundschaft anzupassen und könnten auf diese Weise leichter mit den grossen Ketten konkurrieren. Sie könnten also aus dieser Situation als Sieger hervorgehen.

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