IMHO: (Unbegründete) Aufregung um Apples iBooks Author

Nachdem Google und Facebook jetzt anscheinend “durch” sind, richtet sich die Aufregung auf die pöse™ Firma Apple. Es wird eine Menge wirres Zeug geschrieben und unreflektiert wiedergekäut. (Nicht dass ich jetzt überrascht wäre.) Stein des Anstosses ist das kostenfreie Program iBooks Author und das Format welches durch das Programm unterstützt wird. Unter den Wiederkäuern findet sich auch Golem.de, nur geht der Beitrag Apple sabotiert ePub-Format mit iBooks Author meiner Meinung nach weit an der Realität vorbei.

Um was geht es eigentlich?

Wenn man ein eBook mit dem Programm iBooks Author erstellt, dann kann man das Endprodukt kostenfrei weitergeben; möchte man das Endprodukt verkaufen, darf das nur in Apples iBook Store geschehen. Mein erster Gedanke war: Na und? Der Markt für elektronische Bücher ist momentan so fragmentiert (und das liegt nicht nur an den Formaten), dass ein weiteres Format auch keinen Unterschied macht (wohlgemerkt, es handelt sich um EPUB 3 mit ein paar iBooks-spezifischen Erweiterungen). Man beschwert sich also darüber, dass ein Programm welches ein Format ausgibt, welches sowieso nur in der Reader-Software von Apple funktioniert, nicht die komplette Konkurrenz mit versorgt. Um es mit Dilbert zu sagen: DUH!

Das ePub-Format wird nicht mehr unterstützt

So klingt es zumindest im oben verlinkten Beitrag an. Eventuell wurde ja eine Version der Reader-Software iBooks getestet, zu welcher ich keinen Zugang habe, die Version 2.0 auf meinem iPad zeigt auf jeden Fall ein von mir mit Sigil erstelltes ePub weiterhin problemlos an.

Das neue Format wird alle anderen eBook-Formate verdrängen

Möglicherweise, aber dann haben alle anderen Reader-Hersteller einen Fehler gemacht. Wenn sich das Format in Zukunft in allen Lebenslagen durchsetzen sollte, was aufgrund der Menge der verkauften Produkte der Konkurrenz eher unwahrscheinlich sein dürfte, dann wohl nur deswegen, weil eben diese Konkurrenz den EPUB 3-Standard nur zögerlich unterstützt hat.

Wichtig sind die Leser(innen) und nicht die Hardware

Um das Ganze wieder auf den sprichwörtlichen Teppich zu bringen: Verlage und Autoren(innen) sollten wissen, auf welcher Hardware und mit welcher Software die von ihnen erstellten Bücher von den Lesern(innen) konsumiert werden. Mit dieser Information bewaffnet muss jede(r) für sich die Entscheidung treffen, wie ein Buch zur Verfügung gestellt wird. Also ob ein bestimmtes Format präferiert wird, oder ob es sich lohnt die Bücher in verschiedenen Formaten herauszubringen. Dass sich ein(e) Leser(in), nur um ein bestimmtes Buch zu lesen, neue Hardware anschafft könnte zwar vorkommen, dürfte aber nicht der Regelfall sein. Es sei denn…

Textbooks sind ein Sonderfall

Im Falle der so genannten Textbooks sieht die Geschichte allerdings etwas anders aus. Diese Bücher sind meist teuer, wenn diese Bücher für ca. U$ 15 anstatt für ca. U$ 70 – 100 angeboten werden, dann rechnet sich die Anschaffung der Hardware eventuell schon im ersten Jahr. (Von der Gewichtsersparnis gar nicht zu reden.) Deswegen Apple einen Vorwurf zu machen scheint mir aber übertrieben. Die entsprechenden Verlage habe die Freiheit zu entscheiden mit wem sie Geschäfte machen, oder?

Die Realität aus Sicht der Autoren(innen)

Nach ein paar Nachfragen bei Kollegen(innen) der schreibenden Zunft würde ich sagen, dass die meisten mit einem bestimmten Programm ihre Bücher schreiben, aber garantiert nicht mit dem Programm, mit dem anschliessend das Layout, also das Endprodukt erstellt wird. (Falls sich unter der Leserschaft jemand befindet, der/die ein Buch freiwillig in InDesign oder Quark schreibt, bitte melden.) Ich schreibe meine Bücher in Programmen wie Scrivener (das Programm kann auch direkt ePubs ausgeben), oder direkt in TextMate in MultiMarkdown (auch dieser Beitrag ist so entstanden) und werde bei Gelegenheit einmal Final Draft ausprobieren. Achtung, jetzt bitte ganz tapfer sein: Es gibt sogar Kapitel in meinen Büchern die analog entstanden sind, nämlich in meinem Moleskine mit meinem Lieblingsstift (wer mit dem Begriff Stift nichts anfangen kann, bitte die Eltern fragen). Warum ich in manchen Fällen den analogen Ansatz bevorzuge, habe ich im Beitrag Das Schreiben – Kreativität: Aufzucht und Hege (Teil2) im Abschnitt “Weitere Schreibtechniken” genauer erklärt.

Um es einmal zusammenzufassen: Der Inhalt ist der Text und gegebenenfalls die Abbildungen, der Output von iBooks Author ist ein Endprodukt welches ich eben nur über den iBook Store verkaufen kann. Niemand zwingt mich dazu ein ePub in iBooks Author zu erstellen!

Die technische Realität

Mal aus Sicht der Programmierung: Der Markt der Lesegeräte ist vielfältig und genauso vielfältig ist die mehr oder weniger vollständige Unterstützung des EPUB-Formats auf den Geräten. Ein WYSIWYG-Program welches alle Unzulänglichkeiten der vorhandenen Geräte und deren EPUB-Implementierungen berücksichtigt dürfte auf kostenfreier Basis nicht machbar sein. Selbst der Platzhirsch, Sigil, kann nur eine Annäherung an die tatsächliche Darstellung auf einem Gerät anzeigen. Probleme wie “Auf Reader XY mit Betriebssystem 47.11 wird der Textschatten bei Arial Blurry 3 Punkt nicht immer sauber dargestellt” sind bei einem WYSIWYG-Programm vorprogrammiert (pun intended). Warum sollte sich Apple das antun?

Fazit

Wie immer, viel Aufregung um gar nichts. Und, um es nochmals zu erwähnen: Niemand wird gezwungen iBooks Author zu verwenden. Nun den Untergang des Abendlandes™ herbeizuschwafeln klingt verdächtig nach Link-Bait.

Nachtrag: Nachdem ich den Beitrag fertiggestellt hatte, fand ich noch den Blogpost A Writer’s EULA, der mehr oder weniger die gleiche Meinung vertritt.

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