Mit dem ersten Satz gewinnt, oder verliert, man die Leser(innen)

Ich wage jetzt einfach einmal zu behaupten, dass der erste Satz in einem Roman die Entscheidung ein Buch zu kaufen und/oder zu lesen maßgeblich beeinflusst.

Die Magie des ersten Satzes

Man kann es in jedem Buchladen beobachten:

  1. Fast alle potentiellen Leser(innen) schlagen bei einem Buch die erste Seite auf und lesen den ersten Satz,
  2. wenn dieser erste Satz dazu geeignet ist das Interesse zu wecken, dann wird meist auch der erste Absatz und/oder die erste Seite gelesen.

Der erste Satz in einem Buch ist also entscheidend!

Denn eines lässt sich genauso beobachten: Fällt der erste Satz beim Leser / bei der Leserin durch, wandert das Buch zurück ins Regal, beziehungsweise zurück auf den Stapel. Wir sollten uns also besondere Mühe geben, diesen entscheidenden ersten Satz so zu gestalten, dass er zum Weiterlesen einlädt.

Beispiele für gute erste Sätze

Die folgenden Beispiele schaffen es, meiner Meinung nach, den Leser / die Leserin dazu zu bringen weiterzulesen. Hierbei lassen sich verschiedene Ansätze beobachten.

  1. Anteilnahme wecken:

    An jenem Mittwoch erfüllte sich das Schicksal von Juan Narciso Ucañan, ohne dass die Welt Notiz davon nahm. (Frank Schätzing, Der Schwarm)

  2. Vorstellung der handelnden Personen, gewürzt mit einer ungewöhnlichen Feststellung:

    In jenem Sommer, als mein Vater den Bären kaufte, war noch keiner von uns auf der Welt – wir waren noch nicht mal gezeugt: weder Frank, der älteste, noch Franny, die lauteste, noch ich, der nächste, noch die jüngsten von uns, Lilly und Egg. (John Irving, Das Hotel New Hampshire)

  3. Der direkte Sprung in eine Szene ohne sich mit längeren Erklärungen aufzuhalten:

    Jolie was in France when she felt the pain. Someone close to her was dying! (Piers Anthony, And Eternity)

    Wizard or no Wizard, the ritual had to begin. (Richard Grant, Tex and Molly in the Afterlife)

  4. Und natürlich der Klassiker; genug Information dass sich der Leser / die Leserin angesprochen fühlt:

    Far out in the uncharted backwaters of the unfashionable end of the Western Sprial arm of the Galaxy lies a small unregarded yellow sun. (Douglas Adams, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy)

Diese Liste der Möglichkeiten ist selbstverständlich nicht vollständig.

Wie sollte man vorgehen?

Alle Wortjongleure und -jongleusen sollten sich damit beschäftigen eine Sammlung von interessanten Sätzen oder Satzkonstruktionen anzulegen, welche sich als erster Satz in einem Buch eignen. (Wie man das auf “analoge” Weise tun kann, habe ich im Beitrag Das Schreiben: Analoges Schreiben organisieren beschrieben.)

Um derartige Entwürfe zu testen, kann man sich entweder an vertrauenswürdige (weil ehrliche) Tester(innen) wenden, Agenten, Freunde, Familie etc., aber der beste Test liegt wohl auf der Hand: Würden wir uns das Buch kaufen, wenn wir den ersten Satz lesen? Wenn sich die Frage mit einem ehrlichen Ja beantworten lässt, sind wir schon einen grossen Schritt weiter.

Es gibt kein Patentrezept, aber wir sollten die Augen und Ohren immer offenhalten, man weiss nie wann die Inspiration zuschlägt.

Der Wettbewerb für den schlechtesten ersten Satz

Im Beitrag And the winner of the worst writing of 2008 is … berichtete CNN über den The Bulwer-Lytton Fiction Contest. In diesem Wettbewerb geht es darum, einen einleitenden Satz für einen Roman oder eine Kurzgeschichte abzuliefern, der so so schlecht ist, dass er von genügend Leuten gewählt wird.

Der Wettbewerb wurde nach Edward George Bulwer-Lytton benannt, von dem der berüchtigte Einleitungssatz “It was a dark and stormy night” stammt. Dieser Satz wird im angelsächsischen Sprachraum mit der GAU-Version einer Einleitung gleichgesetzt. Er sagt nichts aus, ausser eine Beschreibung des Wetters zu liefern.

Durch dieses Wissen bin ich allerdings zu einem meiner absoluten Lieblingsbücher gekommen, “Good Omens” von Terry Pratchett und Neil Gaiman. Das Buch beginnt mit dem Satz “It was a nice day.” Ich las diesen Satz, ging zur Kasse und kaufte das Buch. (Die Verkäuferin wird mich wohl für verrückt gehalten haben, da ich immer wieder loslachen musste. Der Untertitel “The Nice and Accurate Prophecies of Agnes Nutter, Witch” hat allerdings auch etwas geholfen.)

Comments

  1. Manueller Dreckbag:
    Der erste Eindruck zählt, heute mehr denn je.
    Dieser gelungene Artikel war mir mehr als ein Kommentar wert…
    😉

  2. @Rick: Nochmals vielen Dank für die Blumen. Mir hat Dein Artikel auch extrem gut gefallen. Über das Potential Deiner Ideen habe ich mich ja bereits auf U9TA ausgelassen. 😉

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