Synchronisiert, OmU oder O-Ton?

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den Problemen der Übertragung eines fremdsprachigen Textes ins Deutsche.

Nichts gegen gut gemachte Übersetzungen, zu dem Thema hat sich der Übersetzer Burkhart Kroeber im Interview Es geht nicht nur um Wörter, sondern auch um Stil bereits geäussert. In diesem Fall ist es die Aufgabe des Übersetzers / der Übersetzerin die Inhalte und Stimmungen eines Buches zu übertragen.

Synchronisieren, eine andere Art der Übersetzung

Wenn es nun aber um Filme oder TV-Serien geht, wird das Ganze etwas komplexer. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass – wenn jemand der Sprache in der ein Film gedreht wurde nicht mächtig ist – eine gewisse Hilfestellung benötigt wird, aber dann bitte richtigWie in sorgfältig übersetzt und dem Sinn entsprechend.. Gerade dieses richtig stellt den / die Übersetzer(in) aber vor Probleme, die man beim Übersetzen eines Buches nicht hat; Papier ist geduldig, wie es so schön heisst. Wenn ein Buch durch eine fachgerechte Übersetzung ein wenig länger wird, stellt das meist kein Problem dar. (Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass Bücher, die vom englischen ins deutsche übersetzt werden, immer ein paar – oder auch ein paar mehr – Seiten länger werden. Umgekehrt werden es normalerweise ein paar Seiten weniger.) Bei den bewegten Bildern wird es schon schwieriger. Hier spielt der Faktor Zeit eine gewichtige Rolle, soll heissen, man kann in einer Szene nur eine gewisse Anzahl Wörter unterbringen. Wenn diese Szene nun aber in Englisch gedreht wurde, dann hat sie auch ein englisches Timing. Das bedeutet, wenn die korrekte Übersetzung ins Deutsche ein paar Wörter mehr benötigt, hat man ein Problem.

Nur ist dieses Problem hausgemacht. In vielen Ländern werden Filme einfach mit Untertiteln versehen; nicht so im deutschsprachigen Raum. Hier wird synchronisiert. Ohne die Leistung der Beteiligten schmälern zu wollen, die Synchronfassung ist nun mal keine eins zu eins Kopie des Originals. Sie ist als eigenständige Variante zu verstehen. Es beginnt mit der Tatsache, dass im angelsächsischen Raum der Ton am Set aufgenommen wird. Dabei wird bei Aussenaufnahmen die Atmosphäre des Drehorts mit eingefangen; letztere geht aber bei der Synchronisation meist verloren. Vermutlich sind technische Schwierigkeiten einer der Gründe, aber jede(r) die / der einen Film im O-Ton und anschliessend synchronisiert ansieht, wird mir das bestätigen können. Also stellt sich die Frage, warum im deutschsprachigen Raum immer synchronisiert werden muss. (Ein flammendes Plädoyer für die Ausstrahlung OmU (Original mit Untertiteln) findet sich im Beitrag Plädoyer für OmU).

Digital würde es gehen, aber …

Die schöne neue, digitale Medienwelt erlaubt die Ausstrahlung mit mehreren Tonspuren und auch das Einblenden von Untertiteln. Man kann sich also aussuchen, was man hören möchte und ob man dabei Unterstützung benötigt. Auf Nachfragen reagieren die deutschen Sender meist mit einer, mir unverständlichen, Aggressivität. “Das interessiert doch keinen”, “wir haben die entsprechenden Rechte nicht”, usw. bekommt man dann zu hören. Wenn es niemanden interessieren würdeEs wird also impliziert, dass ich und der grösste Teil meines Freundeskreises “niemand” sind?, dann wundert mich das Vorhandensein von vorgefertigten Textbausteinen in den E-Mails aus den Redaktionen. Die entsprechenden Rechte lassen sich übrigens von den gleichen Leuten käuflich erwerben, von denen man auch die Rechte für eine rein deutsche Ausstrahlung kaufen kann – nur so als Tip.

Erfreulich ist in diesem Fall, dass der Pay-TV-Sender “Premiere” dazu übergegangen ist, immer mehr Filme und Serien optional im O-Ton auszustrahlen. Ich weiss, dass eine O-Ton-Ausstrahlung von den Rechten her teurer ist, als die Ausstrahlung mit Untertiteln; was hindert also die frei empfangbaren Sender daran, auf ihren digitalen Kanälen OmU auszustrahlen? Für die DVD-Verwertung existieren die entsprechenden Varianten doch sowieso, es müsste also nichts extra produziert werden. Ich vermute, es handelt sich um einen Fall von “weil wir nicht wollen” (Fussaufstampf). Da ich dieses Rätsel vermutlich nicht so schnell lösen werde, habe ich mich (momentan) mit der Situation abgefunden – was mich allerdings ärgert, sind schlampige Übersetzungen (egal ob beim Synchronisieren oder auf Papier).

Vermeidbare Stilblüten

“Am Ende des Tages”
O-Ton: “… at the end of the day.”
Bedeutet “schlussendlich”, “schliesslich”, “letztendlich”
Hierzu ist noch anzumerken, dass dieser (falsch übersetzte) Ausdruck mittlerweile auch schon Eingang in den deutschen Sprachraum gefunden hat, und manche Bevölkerungsgruppen sinnlos unter Stress setzt: “Wir müssen das am Ende des Tages in den Griff bekommen!” Heute noch? 😉

“Ihr Verlust tut mir Leid.”
O-Ton: “I’m sorry for your loss.”
Bedeutet korrekt übersetzt einfach “mein herzliches Beileid”.

“Eine letzte Sache noch …”
O-Ton: “One last thing …”
Gemeint ist “einen hab ich noch” oder “zum Abschluss …”.

“Das Leben ist ein Strand.”
O-Ton: “Life’s a beach”
Habe ich nur einmal gehört und lag wahrscheinlich am billigen Outsourcing; sowas passiert nun mal wenn man am falschen Ende spart und hofft, dass niemand etwas bemerkt. Dafür muss ich etwas ausholen, der Spruch lautet eigentlich “Life’s a bitch and then you die.” Locker übersetzt: “Das Leben ist beschissen und danach stirbt man eh.” “Life’s a beach” ist also nur eine Verballhornung des – zugegebenermassen relativ negativen – Spruchs, soll ihm also eine positive Note geben; Leben als Strandspaziergang sozusagen. Durch den Bezug auf das eigentlich Negative, aber einfach nicht sauber zu übersetzen, wie eigentlich alle Wortspiele.

Jetzt folgen Beispiele aus neuerer Zeit die mich in meiner Haltung bestärken, weiterhin zumindest auf OmU zu dringen:

Star Trek: Raumschiff Voyager – Der Fürsorger Teil 2:
“Sie dürfen niemals die Kontrolle über diese Installation erlangen.”
O-Ton: “They mustn’t gain control over this installation.”
Installation = Einrichtung, Aufbau, Anlage

Jetzt noch zwei Fundstücke, bei denen nicht von Synchronisieren im eigentlichen Sinne die Rede ist, es handelt sich um Sendungen mit so genanntem Voice-Over, also einer Stimme aus dem “Off” die über den eigentlichen Ton (immer noch hörbar, wenn man sich konzentriert) gelegt wird. Hierbei spielt die Länge des Textes also eine eher untergeordnete Rolle, da eben nicht lippensynchron gesprochen werden muss.

Der Kustomizer:
“… alle finden Natalie attraktiv …”
O-Ton: “… all men are attracted to Natalie …”
to be attracted = sich hingezogen fühlen
(OK, könnte man zur Not noch durchgehen lassen, aber trotzdem …)

Reisebericht London:
“Hier ist der Platz dies zu tun”
O-Ton: “Here’s the place to do it”
the place to do it = wenn schon dann hier (flapsig übersetzt)

Fazit: Wenn ihr schon nicht wollt, dann bitte …

… ein bisschen mehr Mühe geben. Es existieren durchaus Produktionen, die – entgegen landläufiger Meinung – als Kulturgut zu betrachten sind; sie verdienen eine sorgfältige Behandlung. Danke.

Bonus: Der Mythos um “Die Zwei”

(Der Nachfolgende Text ist für eine Fussnote zu lang, wenn man nicht gerade Jonathan Stroud oder Susanna Clarke heisst.) Ein immer wieder zitierter Mythos bezüglich Synchronisation, ist die TV-Serie The Persuaders!, auf Deutsch Die Zwei. Auch im verlinkten Artikel auf Wikipedia wird wieder die Mär kolportiert, dass die Serie nur durch die Synchronisierung erfolgreich war. Da “Premiere” die Serie vor kurzem im O-Ton ausgestrahlt hat, erlaube ich mir hier meine (unmassgebliche) Meinung kundzutun.

Wer sich die Serie in beiden Tonspuren zu Gemüte führt, wird meine These vom Anfang des Artikels bestätigt finden: Es handelt sich um zwei eigenständige Varianten. (Den Punkt bitte laut lesen.) Die deutsche Synchro passt in den Zeitgeist der bei der Produktion der Variante herrschte; nett, aber heutzutage klingt das Ganze etwas angestaubt durch die Verwendung von Sprüchen, deren Humor sich nur noch den Älteren Zusehern(innen) erschliesst. Das Original hingegen besticht durch zeitlosen, angelsächsischen Humor und lässt sich auch heute noch mit Vergnügen ansehen. Wer den gestreuten Gerüchten glauben schenken möchte, dass die Serie völlig humorlos daherkam, Bitte, jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung. Es wäre nur schön, wenn uns die Sender auch die Möglichkeit bieten würden, dass sich jede(r) diese eigene Meinung auch wirklich objektiv bilden könnte, oder?

Comments

  1. Ich fasse mal kurz für den etwas einfacher gestrickten Leser zusammen:
    Im neuen Simpsons-Film klingt der Spider-Pig-Song im Original noch cooler als in der Übersetzung und sämtliche Gags verlieren in der Übersetzung jeweils 30 Sekunden Lachdauer. 😉

  2. Tja Onkel, ich habe den Film noch nicht gesehen, aber wenn Du das sagst, wird es stimmen. 😉
    Wie hat er Dir denn gefallen?

  3. Schließe mich dem Onkel sinngemäß an: schöner Artikel der wie so oft eine möglichst breite Gruppe der Gesellschaft angemessen von der Rezeption ausgeschlossen hat.
    Allerdings wird in der Praxis das Thema OmU vielleicht ohnehin überbewertet. Die meisten bevorzugen heute sowieso OmA = Original mit Abschalten (“Ey Dörte, das is ja ausländisch, versteht ja keine Sau, knipps das wech und bring mir nochne Flasche Bier…”)
    Die Betrachtungen zu Brett Sinclair und Danny Wilde habe ich als besonders interessant empfunden, eine diesbzügliche Alternativmeinung war ohnehin längst fällig.

  4. @Rick & Onkel Loco: Drücke ich mich wirklich so kompliziert aus?

    @Rick: Die Mär von der humorlosen, uninteressanten, britischen Serie hält sich hartnäckig; wird aber auch gerne von den Synchron-Fetischisten als Entschuldigung für das Nicht-Ausstrahlen von O-Ton oder OmU genutzt. Bei einigen den Folgen haben meine Freundin und ich nicht nur Tränen gelacht, sondern auch festgestellt, dass die synchronisierte Fassung inhaltliche Fehler hatte.

  5. “Meine” schönste Synchro-Stilblüte war in einer Magnum-Folge, wo Magnum auf einer Golf-Anlage nach einem Vermißten suchte. Da wurde sehr wörtlich aus “He was left-handed, always looking for good clubs.” “Er war Linkshänder. Immer auf der Suche nach guten Clubs.”

  6. @Chris K.: Gut dass ich diese Folge nicht gesehen habe. Als Golfspieler wäre ich schreiend aus dem Zimmer gerannt. 😉

  7. Dieses ständige “am Ende des Tages” kann ich auch nicht mehr hören. Ich mache dafür ja Boris Becker verantwortlich. *g*

    Aber dass nicht jeder jede Anspielung im Original verstehen würde, und somit die Originalfassungen nicht zwangsläufig für alle lustiger wären, ist auch klar. Man sollte halt wählen können – früher kamen ja manchmal auch Fernsehfilme (analog) im Zweikanalton. Leider sieht man das jetzt nur noch selten. Wahrscheinlich würde die Werbung dann nicht mehr so gut tönen.

  8. @Fernseherin: Letztendlich gebe ich Dir Recht. 😉

    Ernsthaft, die digitale Ausstrahlung des Fernsehprogramms liesse alle Möglichkeiten zu (wie im Beitrag erwähnt): Synchro, OmU, O-Ton. Damit könnte jede(r) wählen was ihm / ihr gefällt. Mir ist völlig klar, dass O-Ton nicht für alle gleich interessant ist, allein schon deswegen, weil bestimmte Gags ein gewisses Wissen über das Ursprungsland (oder dessen Kultur / Stereotypen / etc.) erfordern, welches man eben nicht voraussetzen kann und darf.

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  1. […] Und, »at the End of the day« haben wir hier noch die spannende Frage, nach Synchronisiert, OmU oder O-Ton und einer wirklich eingehenden Betrachtung (inkl. Hinweisen auf Übersetzungsfehler) dazu. Ich […]

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