‘Writing Drama’, die Pflichtlektüre für alle Drehbuchschreiber(innen)

Es gibt viele Bücher über das Schreiben von Drehbüchern und/oder Theaterstücken, dieses Buch sollten alle gelesen haben, die sich mit der Materie befassen.

Was macht dieses Buch so einzigartig? Der Untertitel “a comprehensive guide for playwrights and scriptwriters” verspricht einiges.

Das Konzept von “Writing Drama”

Das Konzept des Buches kann man am besten so beschreiben, stellen Sie sich vor, dass Sie jemanden haben der

  • sich mit der Materie Drehbuch schreiben wirklich auskennt,
  • der Sie an der Hand nimmt und mit Ihnen alle Aspekte gründlich durchleuchtet,
  • Ihnen dabei wertvolle Tips gibt
  • und Sie auf Dinge aufmerksam macht, an die Sie beim Schreiben vermutlich nicht sofort gedacht hätten.

Klingt zu gut? Möchte man meinen, aber so habe ich das Buch empfunden. Eines ist das Buch allerdings nicht, es ist keine Anleitung wie man in 2 Tagen – ohne sich anzustrengen – den nächsten Blockbuster schreibt. Es geht in diesem Buch um das Handwerk des Drehbuchschreibens, nicht mehr und nicht weniger.

Der Aufbau des Buchs

Yves Lavandier hat das Buch in zwei grössere Blöcke untergliedert, der erste Block, er macht den grössten Teil des Buches aus, “The Synthetic Model” befasst sich mit den Mechanismen der Dramaturgie. Was sich hier sehr theoretisch anhört, ist sehr unterhaltsam beschrieben und verweist immer auf entsprechende Beispiele aus Theaterstücken und Drehbüchern. Gerade diese Hinweise machen das Buch, meiner Meinung nach, so interessant. Auf diese Weise kann man – eine gut bestückte DVD-Sammlung oder eine gutsortierte Videothek in der Nähe vorausgesetzt – direkt nachvollziehen, was gemeint ist. Und keine Angst, “Warten auf Godot” wird genauso behandelt wie “Blue Velvet” oder “Out of Rosenheim”, die gewählten Beispiele spannen sich also über viele Genres und Ansätze gute Geschichten zu erzählen.

Der zweite Block trägt den Titel “Methology”. In ihm wird das im ersten Teil erklärte Material zur praktischen Anwendung gebracht. Unter anderem wird hier auch auf das Schreiben eines Treatments eingegangen, da mit einem guten Treatment ein Projekt wesentlich bessere Chancen hat verwirklicht zu werden.

Auch der Anhang strotzt nur so vor interessantem Material, hier wird, unter anderem, auch auf das Schreiben für Kinder als Zielgruppe eingegangen, und wie man Dokumentationen scriptet. Abgerundet wird das Ganze mit den “Workshop Exercises”. Allein der Anhang rechtfertigt in meinen Augen den Kauf des Buchs.

Mein Fazit

Dieses Buch sollte wirklich jede(r) gelesen haben, der/die wissen möchte, wie man gute Geschichten erzählt. Ich gerate bei Büchern zu diesem Thema nicht leicht ins Schwärmen, aber dieses Buch hat mich wirklich nachhaltig beeindruckt. Momentan ist leider keine deutsche Ausgabe in Sicht, aber dies ändert sich eventuell in der Zukunft. Bis dahin kann ich die englische Ausgabe nur allen Wortjongleuren und -jongleusen ans Herz legen.

Writing Drama kann man auf englisch oder französisch im Online-Shop von Le Clown & l’Enfant bestellen.

Wer katastropht am schönsten?

Oder, um es etwas griffiger auszudrücken: PANIK! Jedenfalls wenn man den Schlagzeilen glauben darf. Nach der Globalen Erwährmung™, der Globalen Erkältung™ und diversen anderen globalen wasauchimmer™, trumpft jetzt “RP Online” mit der (momentan) ultimativen Katastrophe auf: 2012 droht ein Sonnen-Tsunami garniert mit dem bedrohlichen (Über-?) Untertitel “Handy-Netze könnten ausfallen”. Aha. Hab ich dann in der U-Bahn endlich mal meine Ruhe?

Nur dass wir uns richtig verstehen, ich finde die Wortwahl genial. Die Anzahl der Handy-Benutzer(innen), die beim Lesen der Headline sofort schützend ihre Hand auf den geliebten Kommunikationsknochen gelegt haben, dürfte riesig sein. Allein die Erwähnung, dass man über das Handy nicht erreichbar sein könnte, sollte bei vielen, die sich sonst nicht mit den Vorgängen ausserhalb unserer Atmosphäre befassen, das Interesse am Thema geweckt haben.

Überschriften sollten die Leser(innen) so in ihren Bann ziehen, dass selbige gar nicht anders können, als den Beitrag zu lesen; egal ob auf der Titelseiten einer Zeitung oder auf einem Blog. Aber man sollte immer bedenken, wenn man einen Superlativ verschlissen hat, beispielsweise global, dann muss man sich etwas noch grösseres einfallen lassen. Da “Tsunami” jetzt schon weg ist, man für später aber eigentlich einer Steigerung bedürfte, wird es eng. Als mögliche Alternative würde ich daher empfehlen, den Ausdruck Monsterwelle schon mal in den Kalender von 2012 einzutragen, nur so als Gedächtnisstütze. In umgekehrter Reihenfolge wäre es eine schöne Steigerung gewesen. Aber, “Monsterwelle von der Sonne könnte Handy-Netze ausradieren!”, klingt ganz brauchbar, oder?

Alle Wortjongleure und -jongleusen sollten übrigens bei derartigen Vorkommnissen daran denken, die Backups auf den aktuellsten Stand zu bringen. Genauer gesagt, bevor so etwas zu erwarten ist.

Wer sich über den aktuellen Stand informieren möchte, kann (wie bereits hier erwähnt) auf SpaceWeather.com nachsehen, ob es sich lohnt, das geliebte Equipment plus die aktuellen literarischen Werke vor Strahlung zu schützen. (Aktueller Stand: Alles ruhig.)

Mit dem ersten Satz gewinnt, oder verliert, man die Leser(innen)

Ich wage jetzt einfach einmal zu behaupten, dass der erste Satz in einem Roman die Entscheidung ein Buch zu kaufen und/oder zu lesen maßgeblich beeinflusst.

Die Magie des ersten Satzes

Man kann es in jedem Buchladen beobachten:

  1. Fast alle potentiellen Leser(innen) schlagen bei einem Buch die erste Seite auf und lesen den ersten Satz,
  2. wenn dieser erste Satz dazu geeignet ist das Interesse zu wecken, dann wird meist auch der erste Absatz und/oder die erste Seite gelesen.

Der erste Satz in einem Buch ist also entscheidend!

Denn eines lässt sich genauso beobachten: Fällt der erste Satz beim Leser / bei der Leserin durch, wandert das Buch zurück ins Regal, beziehungsweise zurück auf den Stapel. Wir sollten uns also besondere Mühe geben, diesen entscheidenden ersten Satz so zu gestalten, dass er zum Weiterlesen einlädt.

Beispiele für gute erste Sätze

Die folgenden Beispiele schaffen es, meiner Meinung nach, den Leser / die Leserin dazu zu bringen weiterzulesen. Hierbei lassen sich verschiedene Ansätze beobachten.

  1. Anteilnahme wecken:

    An jenem Mittwoch erfüllte sich das Schicksal von Juan Narciso Ucañan, ohne dass die Welt Notiz davon nahm. (Frank Schätzing, Der Schwarm)

  2. Vorstellung der handelnden Personen, gewürzt mit einer ungewöhnlichen Feststellung:

    In jenem Sommer, als mein Vater den Bären kaufte, war noch keiner von uns auf der Welt – wir waren noch nicht mal gezeugt: weder Frank, der älteste, noch Franny, die lauteste, noch ich, der nächste, noch die jüngsten von uns, Lilly und Egg. (John Irving, Das Hotel New Hampshire)

  3. Der direkte Sprung in eine Szene ohne sich mit längeren Erklärungen aufzuhalten:

    Jolie was in France when she felt the pain. Someone close to her was dying! (Piers Anthony, And Eternity)

    Wizard or no Wizard, the ritual had to begin. (Richard Grant, Tex and Molly in the Afterlife)

  4. Und natürlich der Klassiker; genug Information dass sich der Leser / die Leserin angesprochen fühlt:

    Far out in the uncharted backwaters of the unfashionable end of the Western Sprial arm of the Galaxy lies a small unregarded yellow sun. (Douglas Adams, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy)

Diese Liste der Möglichkeiten ist selbstverständlich nicht vollständig.

Wie sollte man vorgehen?

Alle Wortjongleure und -jongleusen sollten sich damit beschäftigen eine Sammlung von interessanten Sätzen oder Satzkonstruktionen anzulegen, welche sich als erster Satz in einem Buch eignen. (Wie man das auf “analoge” Weise tun kann, habe ich im Beitrag Das Schreiben: Analoges Schreiben organisieren beschrieben.)

Um derartige Entwürfe zu testen, kann man sich entweder an vertrauenswürdige (weil ehrliche) Tester(innen) wenden, Agenten, Freunde, Familie etc., aber der beste Test liegt wohl auf der Hand: Würden wir uns das Buch kaufen, wenn wir den ersten Satz lesen? Wenn sich die Frage mit einem ehrlichen Ja beantworten lässt, sind wir schon einen grossen Schritt weiter.

Es gibt kein Patentrezept, aber wir sollten die Augen und Ohren immer offenhalten, man weiss nie wann die Inspiration zuschlägt.

Der Wettbewerb für den schlechtesten ersten Satz

Im Beitrag And the winner of the worst writing of 2008 is … berichtete CNN über den The Bulwer-Lytton Fiction Contest. In diesem Wettbewerb geht es darum, einen einleitenden Satz für einen Roman oder eine Kurzgeschichte abzuliefern, der so so schlecht ist, dass er von genügend Leuten gewählt wird.

Der Wettbewerb wurde nach Edward George Bulwer-Lytton benannt, von dem der berüchtigte Einleitungssatz “It was a dark and stormy night” stammt. Dieser Satz wird im angelsächsischen Sprachraum mit der GAU-Version einer Einleitung gleichgesetzt. Er sagt nichts aus, ausser eine Beschreibung des Wetters zu liefern.

Durch dieses Wissen bin ich allerdings zu einem meiner absoluten Lieblingsbücher gekommen, “Good Omens” von Terry Pratchett und Neil Gaiman. Das Buch beginnt mit dem Satz “It was a nice day.” Ich las diesen Satz, ging zur Kasse und kaufte das Buch. (Die Verkäuferin wird mich wohl für verrückt gehalten haben, da ich immer wieder loslachen musste. Der Untertitel “The Nice and Accurate Prophecies of Agnes Nutter, Witch” hat allerdings auch etwas geholfen.)