Trennungsschmerzen, Selbsthilfe für Autoren(innen)
Ich habe zwar keine Kinder, aber ein Manuskript zum Lektorat zu geben dürfte für alle Wortjongleure und -jongleusen eine ähnliche Erfahrung sein, wie der Auszug der Sprösslinge für die Eltern. Wobei, Kindern kann man noch einen guten Rat mit auf den Weg geben, sie anrufen um Missverständnisse auszuräumen, oder auf andere Art und Weise versuchen ihre weiteren Entwicklung sanft zu beeinflussen. (Nein, ich werde mich jetzt auf keine pädagogische Diskussion einlassen, die vorstehenden Sätze waren metaphorisch gemeint.)
Wenn man als Wortjongleur [ich spare mit heute die "Jongleusen", keine Lust auf political correctness] ein Manuskript abgibt, dann stellen sich oft Zweifel ein.
“War die Formulierung wirklich gut so?”
“Hab ich etwas vergessen?”
“Wäre die Reihenfolge andersherum nicht logischer gewesen?”
Aus Erfahrung kann ich sagen, das erste Mal ist das Schwerste. Als ich das Manuskript meines ersten Buches abgeliefert habe, haben mir die oben beschriebenen Zweifel teilweise den Schlaf geraubt. Habe ich das Ganze mittlerweile überwunden? Nicht wirklich, aber ich habe gelernt damit umzugehen. Bei Sachbüchern ist die Trennung vom Manuskript, aus naheliegenden Gründen, noch schwieriger. Bei einem Roman oder einer Kurzgeschichte kann man sich höchstens fragen, ob man bestimmte Situationen ausführlich genug, oder zu ausführlich beschrieben hat; bei einem Sachbuch – vorausgesetzt die logische Struktur stimmt – sind es einfach Aspekte zum Thema, die man entweder gestrichen oder in einen Abschnitt hineingenommen hat. Je nach Thema fällt einem immer wieder etwas ein, was man eventuell doch gerne noch beschrieben hätte. Die Kunst hierbei ist es einen Schlussstrich zu ziehen, sonst wird das Buch nie fertig werden. Genauer gesagt, ein Sachbuch kann immer nur einen Ausschnitt eines Themas beleuchten, und damit muss man sich als Wortjongleur abfinden.
Wer in einer ähnlichen Situation sein sollte – oder auf dieselbe zusteuert – mein tiefempfundenes Mitgefühl. Trotzdem, das Buch soll ja irgendwann einmal gedruckt werden, oder?
Rubrik(en): Schreiben | 4 Comments »
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March 31st, 2008 at 5:13 pm
Nun primo alles Gute für Dein Werk.
Sind die Zeilen mal raus dann sollte man sich vermutlich des alten Spruchs besinnen: “Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern!”
Brilliantes fällt idR beim Kunden/Klienten/Leser durch weil zu abgehoben. Das 8 bis 12.Kapitel das man mal schnell hingerotzt weil Zeitdruck und andere Sorgen und für das man sich fast schämt wird Begeisterung ernten. Kapital 5 welches mit viel Herzblut erfasst wird unten durchfallen.
Das alles ist eine Tradition, eine alte Bulle oder sowas.
Für den Trennungsschmerz hilft ausreichend Selbstausbeutung. Wer zu müde ist sich zu ärgern oder zu fürchten nimmt jedes Urteil gelassen an.
March 31st, 2008 at 5:52 pm
Danke für die Anteilnahme.
Mal sehen, inwieweit Du bei den Kapiteln richtig liegst.
April 8th, 2008 at 4:31 pm
Dabei kann die Zusammenarbeit mit einem (guten) Lektor ja durchaus auch befruchtend sein, weil sie das eigene Werk noch einmal aus ganz anderer Perspektive sehen lässt. Vielleicht ist es ja nicht einmal der Lektor an sich, der den Trennungsschmerz verursacht, sondern die Vorstellung, dass jemand anderes den eigenen Text liest und beurteilt. Ein wenig Scham, ein wenig Angst vor Kritik usw.
Viele Grüße und alles Gute
C.
April 8th, 2008 at 6:12 pm
@Christian: Es ging mir eigentlich nur darum, dass nach der Abgabe ins Lektorat der Inhalt relativ festgezimmert ist.
Ansonsten, ganz im Gegenteil, ich bin immer gespannt was aus dem Lektorat zurückkommt. [Protz] Es waren kaum Änderungen nötig.
Wenn man sehr lange an einem Buch arbeitet, dann wird man “betriebsblind”, das Lektorat hilft einem dann wieder auf die Sprünge.
Wen diese Vorstellung schreckt, der sollte keine Bücher schreiben. Ich schreibe, weil ich von möglichst vielen Leuten gelesen werden möchte. Ich denke, dass das eigentlich auf alle Autoren(innen) zutrifft.