Übersetzen: Hat jemand den Styleguide gesehen?

Styleguides können auch bei der Übersetzung vom Englischen ins Deutsche eine wichtige Rolle spielen. Es kommt darauf an, für wen man schreibt; genau, die sprichwörtliche Zielgruppe.

Ich hatte mich zu dem Beitrag Bluff Magazine in deutsch… mmmhhh… zwar schon im Kommentar geäußert, aber das Thema sollte man genauer beleuchten.

Was ist ein Styleguide?

In einem Styleguide (oder Stylebook) wird festgelegt, welche Begriffe für welche Umstände benutzt werden, und wie sie zu schreiben sind. Im Falle einer Übersetzung, welche Begriffe mit welchen Worten übersetzt werden, wenn sie überhaupt übersetzt werden sollen.

Bevor jetzt der Einwand mit der Kreativität kommt, oder der (wirklich wichtige) Einwurf, “man kann nicht alles wortwörtlich übersetzen”; es geht hier nicht darum, irgendetwas “in Stein zu meißeln”. Es geht vielmehr darum, bei Übersetzungen die Sprache zu benutzen, die von der anvisierten Zielgruppe benutzt und verstanden wird. Leser(innen), die im Hinterkopf Anpassungen zum Gelesenen vornehmen müssen, werden gewaltsame ÜbersetzungenNegativbeispiel aus dem IT-Sektor: “Wurzelverzeichnis”. genausowenig akzeptieren, wie einen Wust aus nicht übersetzten Begriffen.

Wie erstellt man einen Styleguide für Übersetzungen?

Kurz und knackig (und überhaupt nicht despektierlich gemeint), indem man dem “Volk aufs Maul schaut”. Welche Begriffe hat die Zielgruppe in die deutsche Sprache übernommen? Für welche Begriffe wurden von der Zielgruppe deutsche Begriffe geschaffen (oder auch verballhornt)? Hier geht es nicht darum, den Befindlichkeiten von Germanisten Rechnung zu tragen; Schreiben ist (in den meisten Fällen) kein Selbstzweck. Wenn sich die Leser(innen) nicht angesprochen fühlen, dann verlieren sie das Interesse.

Im Falle der angesprochenen Poker-Geschichte wäre es gut, einfach mal mit den beteiligten Personen zu sprechen. Was sich anbieten würde, wären in erster Linie deutsche Poker-Spieler(innen), Kommentatoren von Fernsehübertragungen, der deutsche Poker-Verband, etc. Nachdem sich das Magazin vor allem an die erste Gruppe zu wenden scheint, sollte ihren Vorschlägen das größte Gewicht gegeben werden.

Einmal erstellen und fertig?

Ganz bestimmt nicht! Die Poker-Welle ist noch nicht so lange über den deutschsprachigen Raum geschwappt, es wird sicher Änderungen und Anpassungen geben müssen. Das Ganze ist ein kontinuierlicher Prozess.

Also sind Abweichungen erlaubt?

Nochmal: Zielgruppe.

  1. Wer liest den Text?
  2. Welche Ausdrücke werden verstanden?
  3. Warum soll der Text gelesen werden?

Ein Beispiel: Als ich das Linux-Kernel Handbuch. Leitfaden zu Design und Implementierung von Kernel 2.6 (Open Source Library) übersetzt habe, habe ich viele Begriffe bewusst nicht übersetzt, weil das Buch als Begleitung zum Kernel-Sourcecode dient. Dort finden sich keine deutschen Kommentare, also macht es auch keinen Sinn, bestimmte Begriffe zu übersetzen, welche von den Lesern(innen) wieder “zurückübersetzt” werden müssen, um Sinn zu machen.

Es war also keine Abweichung, sondern eine Maßnahme um den Nutzen des Buchs für die anvisierte Zielgruppe zu erhöhen.

Fazit

Wenn man Styleguides in Maßen einsetzt, profitieren der Verlag, die Leser, und die Übersetzer davon. Hat etwas für sich, oder? IMHO, of course. 😉

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