Warum man sich als Autor(in) unbedingt “Shark” ansehen sollte

Momentan läuft auf VOX Montag Abends die Serie Shark. Es geht um einen Anwalt der von seiner Tätigkeit als Strafverteidiger zur Staatsanwaltschaft gewechselt ist. Als Strafverteidiger hatte er sich einen relativ zweifelhaften Ruf erarbeitet und so gut wie nie einen Prozess verloren (wer die Serie nicht kennt, hier ist ein ausführlicher Hintergrund). Soweit so unspektakulär. Die Handlung in den meisten Folgen unterscheidet sich auch kaum von dem, was man in einem guten Krimi erwarten würde. Was macht diese Serie also so besonders (speziell für Wortjongleure und -jongleusen)?

Sie zeigt, wie man ein Drehbuch (oder auch einen Roman) durch den gut ausgearbeiteten Charakter des Protagonisten extrem aufwerten kann (siehe auch Background Checks aus Schriftsteller(innen)-Sicht). Auch das ist eigentlich nichts neues, aber die Figur passt in keine der üblichen Stereotypen. Man sieht also nicht den hundertsten “grumpy Detective”, “den vom Leben enttäuschten wasauchimmer”, “die stahlharte Frau mit dem weichen Herzen die sich in einer Männergesellschaft behaupten muss”, etc. Genauer gesagt handelt es sich bei der Rolle von Sebastian Stark (gespielt von James Woods) um einen Charakter, der sehr sympathisch und zugleich extrem arrogant ist. Mein Lieblingszitat aus der Serie: “Ich bin so unglaublich gut, und trotzdem so bescheiden.” Die erste Aussage wird in fast jeder Folge untermauert, die zweite kann man getrost in das Reich der Fabel verfrachten. Trotz allem zeigt der Charakter auch verletzliche Seiten, die er allerdings (manchmal unbeholfen) zu kaschieren versucht. Genau diese Mischung macht die Person so interessant.

Der Charakter alleine könnte die Serie aber nicht tragen, hinzu kommt eine Gruppe von jüngeren Anwälten(innen) die Stark bei seinen Aufgaben zur Seite stehen und sich – da Stark alte Gewohnheiten schwer ablegt – des öfteren mit einem Fuss im Gefängnis befinden, sobald sie seinen Anweisungen folgen. Dies geschieht aber nie auf Anordnung, sondern (fast) immer auf freiwilliger Basis. Da dieses Team aus Personen mit sehr unterschiedlichen Weltanschauungen besteht, bietet sich hier ein grosses Potential für Seitenhandlungen, welche die eigentliche Geschichte abrunden. Ein geschickter Schachzug war es ausserdem, einen Ex-Polizisten in das Team zu integrieren. Auch er hat einen Schatten auf seiner Vergangenheit, und ist daher gut aufgestellt sich um die Dinge zu kümmern, die man den jungen Anwälten schlicht und ergreifend nicht zutrauen würde. Durch diese Änderung hat die Serie stark an Glaubwürdigkeit gewonnen.

Eine sehr interessante Facette bietet auch die Oberstaatsanwältin Jessica Devlin (gespielt von Jeri Ryan [wer jetzt “Seven of Nine” gedacht hat, hat sich als Geek geoutet :mrgreen: ]). Man könnte sie als “Semi-Protagonistin” und “Semi-Antagonistin” in Personalunion bezeichnen. Sie hat Sebastian Stark früher eigentlich als Erzfeind betrachtet, da er alles repräsentierte, was an einem Anwalt verachtenswert sein könnte. Andererseits hat sie erkannt, dass die “normalen” Anwälte der Staatsanwaltschaft nicht über die Phantasie und das Geschick verfügen mit einigen der Fälle klarzukommen. Die Wortgefechte zwischen den beiden kann man getrost als eins der Highlights der Serie bezeichnen.

Die beschriebene Konstellation, also ein Protagonist, bei dem man manchmal nicht weiss, ob man ihn lieben oder hassen soll, gepaart mit sehr unterschiedlichen Charakteren als Helfer(innen), und einer Oberstaatsanwältin die den Protagonisten mit den gleichen Gefühlen wie die Zuschauer betrachtet, erlaubt es, “Krimi-Standardsituationen” auf eine Weise darzustellen, die nie Langeweile aufkommen lässt. Die Serie ist ein hervorragendes Beispiel für exzellente Drehbücher, zeigt aber auch, dass die richtige Besetzung das geschriebene Material unterstützen muss, damit die Serie “funktioniert”. Ich kann mir keinen besseren Schauspieler als James Woods in der Rolle des Sebastian Stark vorstellen. Alle anderen Rollen (auch die Nebendarsteller) sind ebenfalls hervorragend besetzt.

MUMN: Eine der besten Serien momentan und hervorragendes Anschauungsmaterial für Wortjongleure und -jongleusen.

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